Kunstwissenschaftler: Ralf Weingart (Schwerin) 

Eröffnungsrede zur Ausstellung:

„Intermezzo“, 2001, Galerie am Rathaus, Wismar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sehr geehrte Damen, meine Herren,

unter dem Titel „Intermezzo“ - Zwischenspiel - stellt Reinhard Buch Arbeiten der letzten Jahre vor. In ihrer Auswahl mit großem Einfühlungsvermögen auf die besonderen Präsentationsmöglichkeiten des Ausstellungsortes abgestimmt, vermitteln sie eine Vorstellung von der erstaunlichen Bandbreite eines technisch wie künstlerisch ungewöhnlich vielschichtigen Werkes.
Geboren 1954, hat sich Buch nach einem Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der Budapester Hochschule der Schönen Künste mit Mut, Initiative und Beharrlichkeit in der Nähe von Ribnitz-Damgarten eine künstlerische Enklave geschaffen, die nicht zuletzt in ihrer beeindruckend professionellen Ausstattung höchste Ansprüche an handwerkliche Perfektion, offenkundige Freude am innovativen Ausschöpfen technischer Möglichkeiten und darüber hinaus ein Streben nach größtmöglicher Autonomie bei der Entwicklung und Umsetzung künstlerischer Ideen bezeugt.
In erster Linie ist Reinhard Buch Plastiker. Seine, um das Thema der menschlichen Figur als Bezugspunkt der Formfindung kreisenden Skulpturen, reflektieren und konzentrieren Naturerfahrung in einem künstlerischen Abstraktionsprozess. Dieser stellt eine analytisch-konstruktive Methodik in den Dienst raumbildender, körperhafter Plastizität als anschaulicher Ausdrucksform von Lebensprozessen.

Bereits mit seiner weitergeführten Diplomarbeit: „Reife'“ von 1980/81 - heute in Rostock Am Wall zu sehen - formuliert Buch grundlegende Positionen für sein späteres Schaffen. Sie unterstreicht zum einen sein Interesse an großformatigen Arbeiten, die als Eingriffe in den öffentlichen Raum die architektonisch geprägten Vorgaben des Ortes aufnehmen und in ihrer künstlerischen Um- und, Ausdeutung Erlebnisräume jenseits der zweckorientierten Alltagswahrnehmung eröffnen. Darüber hinaus entwickelt bereits die Erstlingsarbeit als Vorbereitung für den Bronzeguss im Austreiben millimeterdünner, über einem Stützgerüst montierter Wachsplatten zu einer gespannten, kontur- und volumenbildenden Wölbung, die Qualität des Plastischen als nach außen drängender, körperbildender Kraft, konsequent aus der Spezifik der handwerklichen Technik. An den, als eigenwertige graphische Struktur belassenen Nahtstellen der Wachsscheiben, wird das Verfahren auch im Guss nachvollziehbar. Der stringente, anschauliche Zusammenhang zwischen Herstellungsverfahren und künstlerischer Wirkung gewinnt als rationalisier- und kontrollierbare Methode exemplarische Bedeutung für Buchs Arbeiten. In ihr bewährt sich künstlerische Freiheit jenseits subjektiver Willkür und Beliebigkeit. Die in der Ausstellung gezeigte Arbeit „Rufer 99 von 2001 steht beispielhaft für dieses Verfahren.

Eine auf Prägnanz und Eindringlichkeit zielende, lapidare Vereinfachung der Form orientiert sich an stereometrischgeometrischen Grundformen, bewahrt in der gestrafften Modellierung der Oberfläche jedoch den Eindruck organischer Belebtheit. Dem Einbrechen in die Hohlform am klaffend geöffneten Schädel steht im Profil wie ein mahnend- fragender Ruf die nach außen gerichtete Öffnung des Mundes gegenüber, existenzielle Verletzbarkeit des Menschen wandelt sich in die Fähigkeit zu bedeutungsstiftender Artikulation („Gestürzter Kopf- Beuys ist tot“,1986).

Ein, wie Jens Semrau formuliert, zunehmendes „Unbehagen an den Endzuständen der geschlossenen Form“ (1999) , verbunden mit besonderer Sensibilität für den Eigenwert von Zwischenstadien, manifestiert sich in einer 1998/99 entstandenen mehrteiligen Serie lebensgroßer Wachsfiguren mit dem programmatischen Titel „Sequenz“. Auf einen Bronzeguss ist bewusst verzichtet. Die kalkulierte Vergänglichkeit des leicht beschädig- und deformierbaren, organischen Materiales kontrastiert zum vermeintlichen Ewigkeitswert der kubischen, blockhaften Form einer liegenden, nackten, an archaische Götteridole erinnernden Frauengestalt. Ihr leeres, wie unter einem Rüstungsvisier verborgenes Gesicht, wahrt in seiner geheimnisvoll-unheimlichen Anonymität die übermenschliche Gesichtslosigkeit einer nominellen Macht. Gebrochen erscheinen derartige thematische lmplikationen durch eine wiederholte, methodisch durchgeführte Gussreplikation (Vervielfältigung) der Figur bei gleichzeitiger Segmentierung und Neuordnung. In der Folge entsteht eine variable, in räumliche Spannung versetzte, rhythmisierte Formensequenz, die ein serielles Interesse mit der Eigenwertigkeit individueller Einzelformen und ihres räumlichplastischen Zueinander verbindet. Neben die konvexe volumenbildende Wölbung nach außen, tritt im Blick auf die hochgestellte Unterseite einzelner Segmente gleichberechtigt, ihr konkaves Gegenbild einer dunkelgefüllten Negativform. Formbildung selbst wird thematisiert.
Da die Figurenzerlegung in der Unterscheidung von Kopf-, Brust- und Beinbereich anatomischen Vorgaben folgt, ergibt sich aus der ansatzweisen Autonomisierung einzelner Formkomplexe paradoxerweise eine Bereicherung und Vertiefung des Bedeutungsgehaltes. 
So verschränkt die Variation des Haltungsmotives die Assoziation hierarchischer Grabesruhe mit der des Thronens und des Gebärens. Es entsteht eine neue, komplexe Bedeutungsfülle, die auf einen untergründigen Zusammenhang existentieller Grunderfahrungen verweist.

Die Arbeit: „Genesis“ radikalisiert den Gedanken der fragmentierten Formsequenz mit der Freude am spielerischen intellektueller Reflexion zugänglichen Experiment. Dies geschieht in einem absichtslos gefundenen, partiellen Vervielfältigungsverfahren von konzeptionell wirkender Konsequenz. Den Ausgangspunkt bildet ein Gipsmodell des torsohaft verknappten „Kleinen Kriegers“ von 1980/89. In Umkehrung eines Aufbaues aus Einzelteilen wird die einmal gefundene Form zerlegt in kompakte, scheibenartige Querschnittssegmente. In die Mutterform gebettet, entstehen aus Silikonabdrücken in einer weiteren Formengeneration erneut positive Gipsabgüsse. Die Fortführung dieser Filiationskette führt schließlich zu beschädigten Abrissen, deren Defekt ähnlich wie bei der genetischen Mutation das Verfahren der Replikation innovativ durchbricht und das Regelhafte, Konstruktiv-Technische identischer Formwiederholung umschlagen lässt in die Unberechenbarkeit kreativer Zerstörung. In Verbindung mit flachen Rahmenfeldern entsteht ein baukastenartiges Set, ein Laboratorium ebenso konkret wie metaphorisch lesbarer Formgenese. Die reliefartige Präsentation breitet eine modellhafte Formenlandschaft aus, an der Buch aktuelle Obertragungsmöglichkeiten ins Großformat erprobt.

Das Provisorische, Unabgeschlossene der Gipsformen erfährt im Bronzeguss der so betitelten „Stammzellen“ eine Umdeutung und dauerhafter Gültigkeit.
Andere der gezeigten Bronzegüsse gehen zurück auf Bleirohre, die sich durch Eindrücken - von Buch analytisch -struktiv als Quetschen des Querschnitts beschrieben - in stelenartige Gebilde verwandeln. In Umkehrung zur oben zitierten Treibtechnik erfahren sie ihre plastische Formung durch, von außen nach innen wirkende, Kräfte. Destruktion wirkt formbildend. Der Verzicht auf abbildhafte Figürlichkeit ermöglicht eine Erprobung freier, rhythmischer Gliederung. Sie erweckt die starre Ausgangsform zu modulationsfähigem, organischen Leben, bewahrt darin die Erinnerung an menschliche Figur.

Eine andersartige Qualität gewinnen die kopfüber gestürzten Gusskonglomerate zusammengeballter Röhren- und Würfelformen, deren Gusskanäle als Verbindungsstege bestehen bleiben. Buch spricht von einem technisch bedingten Formstau, der - etwa in der räumlich-plastischen Durchdringung und zellenartigen Vernetzung von Gussform und als den gleichwertig empfundenen Zwischenräumen - seine eigene Gestaltlogik entfaltet. (Siehe: „Zelle“ - „Vernetzung“ - „Karussell“.)

Als eigenständiger Werkblock erweist sich eine 1993/94 ausgeführte Serie schwarz-weiß-rot-farbiger Tontafeln von gleich bleibendem Rechteckmaß. Sie übertragen das spontane, unmittelbare Medium der Zeichnung in eine keramische Technologie. Die handwerklich-technische Herausforderung des gänzlich eigenständig entwickelten Verfahrens, das die Verwendung farbig kontrastierender Tone mit einer radierungsartigen Ritzzeichnung und einem negativen Abzugsverfahren kombiniert, erschließt Buch neue künstlerische Ausdrucksmittel und beugt im Kontext des Gesamtschaffens dem Abgleiten in eine Routineproduktion vor. Den verschiedenen Gussverfahren vergleichbar ist es hier der Brand, der eine nur bedingt kontrollierbare, gleichsam naturhafte Modifikation der künstlerischen Form bewirkt und ein Material gerade im Erzeugen verwitterungsartiger Spuren eigenständigen Ausdruckswert verleiht. Auf terracottafarbigen Tonplatten, die durch ihre leichte Wölbung plastische Spannung gewinnen, wird eine kalkweiße Tonschlämme zum lichthaltigen rund einer zumeist schwarz, eingefärbten Ritzung, die dem flüchtigen, ideellen Strich der Zeichnung dauerhafte Materialität verleiht, ohne seinen graphischen Charakter zu zerstören. Bevorzugt verbinden sich stelenartige, an die kleinplastische Skulptur erinnernde Silhouettenformen, die wie zeichenhafte Abbrevationen menschlicher Figuren wirken, zu bewegungs- und ausdruckshaft rhythmisierten, bisweilen filmartig anmutenden Sequenzen, die in ihrer Haltungsanalogie existenzielle Grundbefindlichkeiten thematisieren. Motive des Beugens, Kippens, Stürzens - nicht selten verbunden mit bodenlosen Abgründen, haltlosen Schrägen und einer bedrohlichen Wirkung des flächig ausgebreiteten Schwarz- lassen vor allem die Gefährdung menschlicher Existenz anklingen. Bisweilen erscheinen archaisch anmutende Figurenchiffren wie aus einem spontanen Schreibfluss gleichsam unbewusst generiert. Andere Arbeiten erinnern in ihrem konzeptionellen Entwurfscharakter an klassische Bildhauerzeichnungen: Aus wenigen, z. T. seismografisch zarten Linienzügen entsteht die Vorstellung kompakter, plastischer Volumina, die in variierenden Ansichten gezeigt werden.

Das Prozesshafte, letztlich Vorläufige der konkreten Formfindung erscheint auch hier als beständige Folge von lntermezzi, die - so die wörtliche Obersetzung - das „Mittendrin“ in einem naturhaft erfahrbaren Gestaltwandel anschaulich werden lassen, in dem sich über eine reine Formenmetamorphose hinaus existenzielle Grunderfahrungen artikulieren.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Vergnügen bei der Ausstellung!

Wismar, Galerie im Rathauskeller, Reinhard Buch - Intermezzo, 21.03. 2001